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Vom ver­meint­li­chen Journalismus

Seit drei Wochen erle­ben wir an jedem Mon­tag Abend, wie frem­den­feind­li­che Greifs­wal­der und sol­che aus den Nach­bar­ge­mein­den in Greifs­wald die »besorg­ten Bür­ger« mimen. Zum Glück hat sich auch stets ein ent­spre­chen­der Gegen­pro­test formiert.

So erfreu­lich es ist, dass sich stets Men­schen den Rechts­ex­tre­men und ihren wenigs­tens rechts­of­fe­nen Mit­läu­fern ent­ge­gen­stel­len, so ärger­lich ist die Bericht­er­stat­tung der Ostsee-Zeitung. In der Aus­gabe vom Diens­tag (06.10.2015) wer­den alle Ver­an­stal­tun­gen als »Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen« zusam­men­ge­fasst. Die­ser Begriff ist seit der Wende in Ver­wen­dung und wurde immer wie­der von ver­schie­de­nen poli­ti­schen Grup­pie­run­gen auf­ge­grif­fen. Auch in Greifs­wald tref­fen sich regel­mä­ßig Men­schen auf dem Markt, die häu­fig als »Mon­tags­de­mons­tra­tion« bezeich­net wer­den. Das hat aber wenig mit dem zu tun, was frem­den­feind­li­che und sich die­sen ent­ge­gen­stel­lende Demons­tran­ten machen.

Zuge­ge­ben, die Situa­tion ist unüber­sicht­lich, wenn drei Grup­pie­run­gen gleich­zei­tig am sel­ben Ort eine Ver­samm­lung abhal­ten. Noch unüber­sicht­li­cher wird es, wenn die Grup­pen mit ähn­li­chen Ver­samm­lungs­ti­teln auf­tre­ten und eigent­lich rechte Demos The­men auf­grei­fen, die mit ihrem tat­säch­li­chen Anlie­gen nichts zu tun haben (z.B. »gegen Atom­kraft«). Die ange­mel­dete Gegen­de­mons­tra­tion hatte zudem in die­ser Woche den »Slo­gan« der frem­den­feind­li­chen Demo aus der Vor­wo­che geka­pert. Aber gerade wenn die Gesamt­si­tua­tion ein wenig ver­wor­ren ist, wäre eine dif­fe­ren­zie­rende Bericht­er­stat­tung not­wen­dig. Die Ostsee-Zeitung redu­ziert jedoch auf zwei Grup­pen, obwohl sich Gre­gor Koch­han (Alter­na­tive Liste) am Mikro­fon klar von der »Mon­tags­de­mons­tra­tion« und natür­lich noch deut­li­cher von der rech­ten Demons­tra­tion abge­grenzt hat.

Eine wahre Tat­sa­chen­ver­dre­hung ist jedoch am Ende des Bei­trags zu fin­den, dort heißt es:
»In Rich­tung ihrer ver­meint­li­chen Geg­ner brüll­ten sie [die Gegen­de­mons­tran­ten] laut­stark Paro­len wie „Haut ab“, ohne zu wis­sen, dass dort gerade ein Asyl­be­wer­ber aus Ghana am Mikro­fon über sein Schick­sal berich­tete.»
So erweckt die OZ den Ein­druck, die Gegen­de­mons­tran­ten wür­den auch Flücht­linge ableh­nen und gar nicht mer­ken, was für tolle, welt­of­fene Men­schen sich auf der ande­ren Seite des Markt­plat­zes ver­sam­melt hat­ten. Das ist natür­lich völ­li­ger Unfug. Nur weil ein Mensch mit ande­rer Haut­farbe auf einer rech­ten Demo redet, ist diese dadurch noch lange nicht huma­nis­tisch legi­ti­miert. Wir erfah­ren nicht, ob der offen­bar aus Ghana stam­mende Mann dort auf Ein­la­dung oder spon­tan gespro­chen hat - viel­leicht hat er sich ja auch ein­fach nur ver­lau­fen. Es ist durch­aus zu bezwei­feln, dass sich ein Flücht­ling auf einer Ver­samm­lung wohl fühlt, die die Schlie­ßung der Gren­zen for­dert. Aber dar­über wer­den wir aus der Ostsee-Zeitung nicht mehr erfah­ren. Als Leser erfah­ren wir auch nichts über die Hin­ter­gründe der drei Ver­an­stal­tun­gen. Nach unse­rem Wis­sen wurde die rechte Demons­tra­tion vom Enrico Nau­mann aus Stral­sund ange­mel­det, der ein­deu­tig im NPD-Milieu zu ver­or­ten ist [1]. Ein Bild des erle­se­nen Teil­neh­mer­krei­ses kön­nen wir uns auch nicht machen, denn foto­gra­fisch ver­öf­fent­licht wur­den, wie schon für die Aus­gabe vom 23.09.2015, nur Teil­neh­mer der Gegenkundgebung.

Am nächs­ten Mon­tag haben die Rech­ten eine erneute Demons­tra­tion ange­mel­det. Wer dar­über bes­ser infor­miert sein möchte, sollte sich viel­leicht lie­ber an Blogs [2,3] hal­ten, die es mit dem Lokal­jour­na­lis­mus offen­bar etwas genauer nehmen.

[1] http://www.nordkurier.de/mecklenburg-vorpommern/mvgida-spitze-steht-am-rechten-rand-2612576101.html
[2] http://blog.17vier.de/2015/10/05/montag-greifswald-markt-demonstration/
[3] https://www.webmoritz.de

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